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06. Mai 2026
Weltmeisterin Sophie Wachter und ihr ganz persönlicher Rückblick auf die Tage vor, während und nach Bremen. Im WELTMeister-Podcast spricht sie ebenfalls über das Highlight, das ihr "so viele Türen geöffnet hat".

"Wenn ich heute an Bremen zurückdenke, fühlt es sich manchmal an, als wäre es gestern gewesen – und manchmal wie ein anderes Leben. Die Zeit damals war mit die intensivste, die ich je erlebt habe. Blut, Schweiß, Training, alles zwischen Lachen und Weinen war dabei.
Und Bremen selbst? Das ist in meiner Erinnerung wie ein leicht verschwommener Traum, weil ich so massiv fokussiert war, dass ich vieles um mich herum kaum mitbekommen habe."
Sophie Wachter, 33 Jahre, geboren in Bad Ems, seit 2024 Kata-Landestrainerin in Hessen, gehörte zum legendären Kata-Trio, das 2014 in Bremen sensationell WM-Gold gewann. Wie sie diese Zeit erlebt und was ihr der Sport abverlangt, aber auch gegeben hat, schildert sie in ihrem ganz persönlichen Weltmeisterschafts-Rückblick.
Der Weg nach Bremen war kompromisslos. Unser Privatleben kam für rund ein Jahr
komplett zum Erliegen – es gab einfach nichts anderes mehr: Training, gesunde
Ernährung, viele Gym-Einheiten, Karate-Training, Mental-Training – wir haben wirklich Gas gegeben. Und genauso wichtig war die Regeneration, die besonders im Fokus stand.
Freunde treffen, Urlaub: all' das musste hinten anstehen. Wir haben uns zu hundert
Prozent auf diese WM ausgerichtet. Und dieser Weg war nicht nur von positiven Erfahrungen gezeichnet. Vor der WM gab es die Europameisterschaften als große Generalprobe – und dort haben wir mit einer 3:2-Entscheidung knapp die Bronzemedaille verloren.
Das hat mich wahnsinnig traurig gemacht und frustriert. Kurzzeitig habe ich gezweifelt, ob unsere Trainings-Planung mit dem Höhepunkt in Bremen wirklich aufgeht. Im Nachhinein war genau dieser Rückschlag wahrscheinlich Teil des Plans – aber in dem Moment hat es richtig wehgetan.

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"Ich freue mich riesig, die bevorstehende Europameisterschaft in Frankfurt einmal aus einer entspannten Perspektive zu erleben – nicht als Athletin, sondern als Zuschauerin. Und ich wünsche es den deutschen Kader-Athletinnen und -Ahleten von ganzem Herzen, dass sie ein Stück von dem Gefühl spüren dürfen, das ich damals in Bremen hatte.
Wenn ein Heim-Publikum dich trägt, wenn dein Team neben dir steht und ihr gemeinsam alles gebt – das ist eines der schönsten Erlebnisse, die man als Sportlerin oder Sportler haben kann.
An unser "Team Deutschland":
Ich drücke euch die Daumen. Holt euch das, was ihr verdient! Wir stehen hinter euch!
Was ich aber bis heute glasklar weiß: Als die Flaggen für uns nach oben gingen und wir wussten, wir sind Weltmeister – das war einer der glückseligsten Momente meines Lebens. Und gleichzeitig ein Moment, in dem sich für mich ein Kindheits-Traum erfüllt hat.
Mit sieben Jahren hatte ich meiner besten Freundin in ihr Freundschafts-Buch unter "Mein größter Traum" geschrieben: Karate-Weltmeister werden. In Bremen ging dieser Traum in Erfüllung – gemeinsam mit Christine Heinrich, Jasmin Bleul und unseren Bundestrainer Efthimios Karamitsos.

Ehrlich gesagt konnte ich es im ersten Moment gar nicht realisieren – beziehungsweise keiner von uns konnte so richtig begreifen, was da gerade passiert war. Ich stand links neben Jasmin, das Publikum war wahnsinnig laut und ist regelrecht ausgeflippt - und ich habe tatsächlich gefragt: "Sind wir Weltmeister?"
Wir standen alle drei wie in einer Schockstarre, und erst als Christine und Jasmin es aussprachen – "Ja, wir sind Weltmeister" –, kam bei mir an, was gerade passiert war. Dann kamen die Tränen. Bei uns allen drei. Und ehrlich gesagt – dieser Moment lässt mich bis heute nicht los.

Was diese WM für mich so besonders gemacht hat, war nicht nur das Ergebnis. Es war dieser unglaubliche Support, den wir gespürt haben – von der gesamten deutschen Karate-Gemeinde, von unseren Familien, von Freunden, vom Team hinter dem Team. Es hatte sich wirklich angefühlt, als würden alle hinter uns stehen und alles dafür tun, uns die besten Bedingungen zu schaffen. Dafür bin ich bis heute unfassbar dankbar.
Was ich darüber hinaus bis heute schätze: Wenn ich Lehrgänge gebe, sprechen mich immer wieder Leute auf unser WM-Finale an, weil sie es damals live miterlebt haben. Mit ihnen gemeinsam in diesen Erinnerungen zu schwelgen, ist jedes Mal etwas Besonderes.
Es zeigt mir, dass dieser Moment nicht nur für uns vier ein besonderer war, sondern für ganz viele Menschen – in der deutschen Karate-Welt und auch international. Das schätze ich vielleicht sogar mit am meisten – und es macht das Ganze für mich rückblickend nochmal ein Stück surrealer und wahnsinnig schön.
Was uns zusätzlich getragen hat, war die Energie vom Heim-Publikum – das hat so unnormal gepusht. Und unser Team-Song "Can't Hold Us", mit dem wir uns vor jedem Wettkampf warm gemacht haben. Wenn ich ihn heute höre, bin ich sofort wieder in der Vorbereitung auf Bremen. Gänsehaut pur.
Unser Motto war "WWW – Wir werden Weltmeister". Und das haben wir eiskalt durchgezogen. Unserem Mental-Trainer Andreas Ginger bin ich bis heute dankbar für alles, was ich an mentalen Strategien lernen durfte.
Und dafür, dass er so gut mit uns gearbeitet hat, dass wir mit dem Druck, der – wie ich heute im Nachhinein realisiere – auf unseren Schultern lag, klargekommen sind. Mehr noch: Dieser Druck hat uns angetrieben, statt uns zu bremsen.

Efthimios hat es geschafft, dass wir alle drei über uns hinausgewachsen sind. Er hat seine gesamte Lebens-Energie in unsere Vorbereitung gesteckt. Das Vertrauen, das er uns geschenkt hat – und wir ihm –, war außergewöhnlich. Diese Verbindung besteht bis heute.
Innerlich war ich an dem Tag ruhig, aber gleichzeitig im "Let's go"-Modus. Wie angespannt ich tatsächlich war, habe ich erst später realisiert. In dem Moment wollte ich einfach mein Maximum geben und alles raushauen, was ich in mir hatte. Und genau dieselbe Haltung hatten Christine und Jasmin auch.
"Am Tag des Finales hatten wir vorher noch ein paar Stunden Zeit. Ich saß auf der Tribüne, Bremen-Hoodie an, Mütze über den Kopf gezogen und sprach mit meinem Athletik-Trainer. Es waren noch ungefähr viereinhalb Stunden bis zum WM-Finale.
Er fragte mich: 'Sophie, was machst du denn jetzt noch?' Und ich habe ganz trocken gesagt: 'Ich gehe jetzt nochmal eine Runde schlafen, dann schminke ich mich, und dann werde ich Weltmeister.'"
Was heute überwiegt, wenn ich an Bremen denke, ist pure Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass ich das überhaupt erleben durfte. Dankbarkeit, dass die deutsche Karate-Welt ein Teil davon war.
Und Dankbarkeit, dass dieser Sport mich auch über meine aktive Zeit hinaus weiter trägt – ich hätte niemals gedacht, dass ich nach meiner Profi-Karriere weiterhin damit mein Geld verdienen darf. Es haben sich so viele Türen für mich geöffnet.
Und genau das ist für mich der Punkt: Karate ist mehr als nur ein Sport. Es gibt uns
allen so viel mit – egal, ob im Profi-Bereich oder im Breitensport. Die Werte, das
Dranbleiben, das Durchhaltevermögen – das zahlt sich immer wieder aus, weit über die Matte hinaus. Im Karate lernen wir, im Moment zu sein, uns zu fokussieren, unsere Atmung zu kontrollieren – gerade im Kata-Bereich.
Heute spricht jeder über Breathwork; damals hat das noch niemand getan. Und genau diese Werkzeuge nutze ich heute auch in ganz anderen Kontexten – wenn ich zum Beispiel eine Keynote halte und nicht auf der Tatami, sondern auf einer anderen Bühne stehe. Zu wissen, wie ich mein Nervensystem regulieren kann, ist Gold wert.
Es begann als Eintrag im Poesiealbum - und führte sie gegen alle Widerstände bis ganz nach oben: Eine Kampfsport-Weltmeisterin spricht im Podcast über Disziplin, große Opfer, Rückschläge und den einen Moment, in dem alles zusammenkommt. Warum ihr Erfolg erst später seine volle Wirkung entfaltet – und was sie heute antreibt.

WELTMeister ist der Sport-Podcast von WELT. Jede Woche sprechen die Sportredakteure Lars Gartenschläger und Lutz Wöckener mit echten Weltmeistern. Der Haken an der Sache? Sie wissen nicht, wer vor Ihnen sitzt.
Der eine sucht den Weltmeister raus, der andere muss erraten, wem er gegenübersitzt. Nach überstandener Raterunde sprechen Host und Gast über die Disziplin, das Leben als Weltmeister und den Menschen hinter der Story.