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Techniken als Physiotherapie: Fazit einer Verletzung

Nach einer Schulterluxation stellt der Autor in der Reha fest, dass für die Behandlung auf Elemente aus dem Karate zurückgegriffen wird. Die Erkenntnisse hat er in einem lesenswerten Essay zusammengefasst. Für die Fotos war Niki Haines verantwortlich.

Techniken als Physiotherapie: Fazit einer Verletzung

PNF-Therapie zur Steigerung der Gelenk-Beweglichkeit nach dem geschilderten Sportunfall. Die gegenläufige Bewegung beider Arme ist eine Kombination aus Abduktion, Flexion, Extension und
Außenrotation

Karate gilt zu Recht als gesundheitsfördernde Sportart, was die Anerkennung als solche durch die Weltgesundheits-Organisation (WHO) im Jahr 2003 bestätigt. Über die gesunde Wirkung der Kampfkunst ist viel geschrieben worden, so dass hier auf eine Aufzählung verzichtet wird. Was man aber zusammenfassend sagen kann: Karate wirkt auf Körper und Geist. Eine Tatsache, die von wissenschaftlichen Studien in einer interdisziplinären Verbindung aus Sportwissenschaft und Psychologie bestätigt wird (vgl. Universität Regensburg) 1.

Da wir Menschen Geist im Körper sind, profitieren wir von dieser Qualität des Karate. Das Training verfolgt übergeordnete Ziele, wie Konzentration, Zuhören, Geduld, Zanshin (kämpferische Präsenz und Aufmerksamkeit) sowie Stress-Resilienz (bei Wettkampf und Prüfung), ergänzt durch Grundwerte wie Respekt und Höflichkeit. Hinzu kommen die Koordination anspruchsvoller Bewegungsabläufe und die Katas, bei denen die Raumorientierung wichtig ist.

Unfälle passieren im Karate erfreulich selten, aber den Verfasser Christoffel traf es Ende 50 mit einer im Training ausgekugelten Schulter. Im Anschluss an die geschlossene Reponierung begann eine Durststrecke: Nach einer Schulterluxation braucht es rund ein Jahr, um die volle, dynamisch funktionelle Leistungsfähigkeit des Gelenks zurückzugewinnen. Zwei Dinge sind dem Verfasser als Fazit aus dieser Zeit geblieben:

  • Erstens: Mentales Training auf der Couch hilft. Ohne nahezu täglich im Kopf Katas zu "laufen", wäre die Rückkehr ins Dojo schwerer gefallen.
  • Zweitens: Viele der physiotherapeutischen Übungen (PT-Übungen) entsprachen bis ins Detail Abwehrtechniken (Uke Waza) aus dem Shotokan-Karate!
Zur Öffnung der  Rotatoren-Manschette diente der "Scheibenwischer", eine PT-Technik, deren Raumweg exakt Uchi Uke / Yoko Uke entspricht 
Zur Öffnung der Rotatoren-Manschette diente der "Scheibenwischer", eine PT-Technik, deren Raumweg exakt Uchi Uke / Yoko Uke entspricht
Eine weitere PT-Übung – hier der obere Bewegungsansatz – hat denselben Raumweg wie die Abwärtsabwehr Gedan Barai: Der nach unten außen schwenkende und dabei pronierende Unterarm "fegt" den Angriff beiseite 
Eine weitere PT-Übung – hier der obere Bewegungsansatz – hat denselben Raumweg wie die Abwärtsabwehr Gedan Barai: Der nach unten außen schwenkende und dabei pronierende Unterarm "fegt" den Angriff beiseite
 

Übereinstimmende Raumwege und PNF
Schon bei der ersten Übung ging es dem Karateka durch den Kopf: "Das kenne ich doch. Das ist Uchi Uke!" Das zugehörige BILD 1 zeigt die Abwehrtechnik, bei der der Arm von innen nach außen schwenkt, um einen Angriff abzuleiten. Der Physiotherapeut verdeutlicht mit seinem Eingriff die typische Dreh- und
Schwenkbewegung des Arms ("Scheibenwischer"). Therapeutisches Ziel der Übung war die Öffnung der Rotatoren-Manschette am betroffenen Schultergelenk, ohne dass dabei der Bindegewebs-Apparat belastet wird. Dabei stimmt der Raumweg der PT-Übung mit der Blocktechnik derart überein, dass sich ein Foto der PT-Technik erübrigt, solange man Uchi Uke kennt. 

Derselbe Eindruck bildete sich bei einer Übung, die der Armbewegung von Gedan Barai entspricht. Bei dieser Abwehrtechnik schwenkt der Arm von einer Ausholposition am gegenüberliegenden Ohr (BILD 2) nach unten und "fegt" den Angriff dabei zur Seite.

Die aktive Ausführung der PNF-Übung ähnelt stark Manji Uke (Himmel-Erde-Block) 
Die aktive Ausführung der PNF-Übung ähnelt stark Manji Uke (Himmel-Erde-Block)
Noch Physiotherapie oder doch schon Karate? Manchmal war sich der Verfasser bei der Behandlung selber nicht mehr sicher, so fließend schienen die Übergänge. Hier die Nähe zu Gedan Teisho Uke 
Noch Physiotherapie oder doch schon Karate? Manchmal war sich der Verfasser bei der Behandlung selber nicht mehr sicher, so fließend schienen die Übergänge. Hier die Nähe zu Gedan Teisho Uke
 

Zum Erstaunen des Verfassers taten sich weitere Parallelen auf: Konkret betrifft das die Propriozeptive Neuromuskuläre Fazilitation (PNF). Als Therapieform nutzt die PNF dreidimensionale Bewegungen, um Bewegungsstörungen zu beheben. Ursprünglich Mitte des 20. Jahrhunderts zur Behandlung von Poliomyelitis-Patienten (mit Lähmungen der Extremitäten nach durchgemachter Polio) entwickelt, erwies sich PNF als so wirksam, dass sie in der Physiotherapie bei vielen Bewegungsstörungen eingesetzt wird 2. Dazu zählen Sportunfälle 3.

Als die Heilung der Schulter fortschritt, bestand das nächste Ziel darin, wieder das Maximum der möglichen Gelenkwinkel und Greifräume zu erreichen, insbesondere nach oben außen. Die betreffende Übung für das Schultergelenk gab es sowohl als passive Dehnung durch den Physiotherapeuten als auch in Form einer aktiven Ausführung im Stehen (BILD 3 und BILD 4). In beiden Fällen fühlte sich der Patient stark an Manji Uke beziehungsweise Yama Uke erinnert.

Zwar wird der Arm bei der PNF-Technik weitgehend gestreckt, während der obere Arm bei Manji Uke wegen der sportspezifischen Funktion als Block oder Wurf gebeugt ist, die Dreidimensionalität jedoch stimmt exakt überein: Die PNF-typische Qualität dieser Uke Waza liegt in der Kombination aus Abduktion (Abspreizen), Flexion (Beugung) beziehungsweise Extension (Streckung) und Außenrotation (Supination). Sogar eine karatetypische Überkreuzbewegung des Gegenarms findet sich bei PNF-Übungen. Weitere Beispiele ließen sich ohne weiteres aufzählen, etwa Gedan Teisho Uke (wie in der Shito-Ryu-Kata Ni Pai Po) und andere.

Karateka, Tänzer & Ghostwriter

Zum Verfasser: Jörg Christoffel, 64, ist Karateka seit insgesamt gut 20 Jahren, hat "zwischendrin" über 20 Jahre getanzt und arbeitet als Ghostwriter in Rottenburg am Neckar.

danksagung

Der Verfasser bedankt sich bei dem Rottenburger Physiotherapeuten Paolo Guzzon von PhysioMondo für die Hilfe, wieder fit zu werden und für den lehrreichen Austausch über Karate und PT-Behandlung nach Schulterluxation. Alle im Beitrag womöglich enthaltenen Fehler gehen rein auf das Konto des Verfassers!

Für den Verfasser zeigte das eine spezifische Qualität von Karate als Gesundheitssport (oder Gesundheitskarate: "Kenko"-Karate 4). Erst durch den Unfall wurde klar, wie sehr vor allem Uke Waza große Gelenkwinkel fördert. Sie werden im Karate über das alltägliche Maß hinaus trainiert (etwa bei der Hüfttechnik Gyaku Hanmi beispielsweise in Bassai Dai). Zudem sorgt die ausgeglichene Links-Rechts-Belastung dafür, dass der Körper harmonisch ausgebildet wird. Ein gewisses Maß an Ambidextrie (Beidhändigkeit) wird so gefördert.

Die bei vielen Uke Waza verwendeten Drehbewegungen sind vor allem für ältere Menschen wichtig, weil etwa die Fähigkeit zur Supination (Uchi Uke mit nach außen rotierendem Unterarm) die Voraussetzung für ein selbständiges Essen und Waschen ist. Die kämpferische Effizienz dieser Rotation auf der Längsachse einer Extremität lässt sich gut an Age Uke, Soto Uke, Gedan Barai, Kake Uke (Kakete im Shito Ryu) und Gedan Nagashi Uke zeigen (auch wenn es sich dabei um eine Pronation handelt). Für den Verfasser war es verblüffend, bei einem Selbstschutzsystem derartig spezifisch heilende Qualitäten zu entdecken.

Hirokazu Kanazawa (*3.5.1931 †8.12.2019), einer der weltweit einflussreichsten Karatelehrer des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, war davon überzeugt, die Wurzeln des Karate lägen gar nicht im Kampf, sondern in einem alten Gesundheitssystem, das erst später für den Selbstschutz entdeckt wurde 5. In dieser Hinsicht, so Kanazawa, sei das Karate unter den Kampfkünsten einzigartig ebd.. Es ist in der Tat erstaunlich, dass sich ausgerechnet die unter PT-Gesichtspunkten gesündesten Karate-Techniken – nämlich die Uke Waza – dazu eignen, um einen Angriff anzunehmen und abzuwehren.

Schlussfolgerung

Nach der Verletzungserfahrung versteht der Verfasser Karate als intelligentes Bewegungssystem, das physiologisch gesunde Techniken lehrt und darin effizient Prinzipien der Physik folgt (schiefe Ebene, Zug, Versetzen, Drehungen, Kräfte-Parallelogramm), um auch körperliche Nachteile (Größe, Gewicht, Reichweite) im Kampf ausgleichen zu können. Im Kinder- und Jugendalter ist Karate eine gute universale Körperschulung, die Koordination, Selbstbewusstsein und Selbstkontrolle fördert. Im Erwachsenenalter vermittelt Karate vorrangig Stärke und innere Ruhe. Ältere Karateka profitieren besonders von den gesundheitsfördernden (Neben)Wirkungen des Karate.

Die hier beschriebene Übereinstimmung zwischen sportartspezifischen Bewegungen und Behandlungstechniken aus der PT geht teilweise so weit, dass man ohne Übertreibung von einer "Therapie beim Sport" sprechen kann. Allerdings gilt das weniger für das sogenannte Sportkarate ("Kyogi Karate" 4), bei dem der Wettkampf im Mittelpunkt steht. Konzentriert man sich als Karateka jedoch darauf, saubere Techniken zu üben und Kata zu trainieren, dann wird ein gewisses Maß an PT gleich mitgeliefert. Vielleicht erklärt das teilweise, wie viele Karateka jenseits der Fünfzig auf einem hohen Niveau trainieren und unterrichten können.

Auf Okinawa, dem Geburtsort des Karate, gibt es darüber hinaus eine enge historische Verbundenheit von Tanz und Kampftechnik. Interessanter Weise finden sich auch zwischen dem westlichen akademischen Tanz (Ballett) und dem Shotokan-Karate Parallelen - selbst wenn die meisten Karateka empört den Kopf schütteln, wenn sie so etwas hören. Dazu und speziell zum "Placement" gibt es ein kluges Buch von Sandra Brenscheid: "Karate ist Tanz" 6. Zugegeben, der Titel ist eine Provokation, aber die Lektüre lohnt sich.

Quellen

1 Jansen, P., Dahmen-Zimmer, K.: Effects of cognitive, motor, and karate training on cognitive functioning and emotional well-being of elderly people. 20. Februar 2012. Erschienen in: Frontiers in Psychology, 3, 40. doi:10.3389/fpsyg.2012.00040
Deutsche Kurzfassung der Ergebnisse: https://idw-online.de/de/news450577 
abgerufen am 27.02.2024

2 https://de.wikipedia.org/wiki/Propriozeptive_Neuromuskul%C3%A4re_Fazilitation
abgerufen am 27.02.2024

3 Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK) e.V.: https://www.physio-deutschland.de/patienten-interessierte/wichtige-therapien-auf-einen-blick/pnf-therapie.html
abgerufen am 27.02.2024

4 Clarke, M.: Traditional Karate's Three Traditions. Shotokan Karate Magazine (SKM), #102, Lymm (Cheshire, U.K.), January, 2010, pp 20-23

5 Herbert, W.: Hirokazu Kanazawa-sôke – ein persönlicher Nachruf. 6 Seiten, Dezember 2019, S. 2
(Anm. d. Verf.: Der promovierte Japanologe Wolfgang Herbert, 6. DAN Shotokan, hat die im Schlatt Verlag erschienene Autobiographie von Kanazawa ins Deutsche übersetzt und ihn dafür persönlich interviewt.)

6 Brenscheid, S.: Karate ist Tanz. Was Karatesportler von Tänzern lernen können. Samurai Verlag, Rosenheim, 2014, 150 S., ISBN 3-943146-01-4

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