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Wann wird aus einem vernünftig denkenden Menschen plötzlich ein „Affe“ oder sogar ein „Reptil“? Und vor allem: Wie verhindern wir, dass es überhaupt so weit kommt? Genau diese Fragen begleiteten uns während des Gewaltschutzlehrgangs Teil 2 mit dem Schwerpunkt Erwachsene, der vom 2. bis 5. Juli in der Sportschule Hennef stattfand.
17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland kamen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen im Bereich Selbstverteidigung und Gewaltschutz zusammen. Gerade dieser vielfältige Hintergrund machte den Lehrgang besonders spannend, denn neben den Inhalten der Referenten sorgten auch die zahlreichen Fragen, Diskussionen und persönlichen Erfahrungen aus der Gruppe für viele neue Denkanstöße.
Unter der Leitung der erfahrenen DKV-Referenten Willm Wöllgens und Sven Burkard erlebten wir vier intensive und abwechslungsreiche Tage. Schnell wurde deutlich, dass moderner Gewaltschutz weit vor einer körperlichen Auseinandersetzung beginnt. Körpersprache, Mimik, Stimme und das eigene Auftreten können entscheidend dazu beitragen, Konflikte gar nicht erst eskalieren zu lassen.
Dazu gehörten viele praktische Übungen: laut werden, ruhig bleiben, Provokationen aushalten, bewusst mit der Stimme spielen und immer wieder reflektieren, wie sich das eigene Verhalten auf das Gegenüber auswirkt. Überraschend war dabei oft, wie unterschiedlich wir selbst auf bestimmte Situationen reagieren und welche Wirkung schon kleine Veränderungen erzielen können.
Ein besonderer Aha-Moment war Svens Erklärung der „drei Gehirne“. Anschaulich zeigte er, wie wir in Stresssituationen vom rationalen „Professor“ sehr schnell zum emotionalen „Affen“ oder sogar ins reine Überlebensprogramm des „Reptils“ wechseln können. Ebenso wichtig war die Erkenntnis, wie wir möglichst lange im „Professor“ bleiben und dadurch verhindern, selbst zur Eskalation beizutragen.
Passend dazu begleitete uns ein Zitat des amerikanischen Sicherheitsexperten Rory Miller: „Don’t go to stupid places and do stupid things with stupid people.“
So einfach dieser Satz klingt, so treffend beschreibt er den ersten Schritt erfolgreicher Gewaltprävention.
Aufbauend darauf lernten wir verschiedene Werkzeuge kennen, um Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen. Begriffe wie Statuswippe, KEB-Methode (Kontrolliert Eskalierende Beharrlichkeit) oder der bewusste Wechsel zwischen freundlicher und energischer Bestimmtheit wurden nicht nur theoretisch erklärt, sondern in zahlreichen Rollenspielen direkt ausprobiert. Ergänzt wurde dies durch praktische Übungen zur Gefahrenabwehr – immer mit dem Ziel, körperliche Auseinandersetzungen möglichst zu vermeiden.
Besonders spannend waren die Lehrproben der acht Anwärterinnen und Anwärter auf die B-Trainer-Lizenz. In jeweils 20 Minuten präsentierten sie Ausschnitte aus ihren Unterrichtskonzepten – von Belästigungssituationen im Bus oder an einer dunklen U-Bahn-Station über Distanztraining bis hin zu spielerischen Unterrichtseinheiten für Kinder. Dabei zeigte sich nicht nur die große Bandbreite möglicher Unterrichtsinhalte, sondern auch, welche schauspielerischen Talente in unserer Gruppe steckten. Manche Aggressoren und Opfer spielten ihre Rollen so überzeugend, dass man fast vergaß, dass alles nur Übung war.
Für beste Stimmung sorgte zwischendurch immer wieder Sven mit seinen legendären Musikeinspielern zum Beginn und Ende der Pausen - die Musikauswahl war ebenso abwechslungsreich wie der Lehrgang selbst und sorgte jedes Mal für ein Schmunzeln.
Zum Abschluss entwickelten wir in Kleingruppen komplette Gewaltschutzseminare für unterschiedliche Auftraggeber. Dabei zeigte sich, dass zu einer guten Ausbildung weit mehr gehört als fachliche Inhalte. Durch Willms gezielte Nachfragen zu Themen wie Verträge, Versicherungen, Kalkulation oder Trainerverantwortung erhielten wir wertvolle Hinweise für die spätere praktische Umsetzung eigener Kurse.
Nach vier Tagen waren wir zwar mental durch die vielen Eindrücke, körperlich durch die praktischen Übungen und stimmlich durch zahlreiche Rollenspiele etwas müde – gleichzeitig aber auch begeistert von der Qualität dieser Ausbildung.
Der Lehrgang hat einmal mehr gezeigt, wie praxisnah, professionell und abwechslungsreich die Gewaltschutz-Ausbildung im Deutschen Karate Verband gestaltet wird. Ein herzliches Dankeschön an Willm Wöllgens und Sven Burkard für vier intensive, lehrreiche und gleichzeitig sehr unterhaltsame Tage in Hennef. Wir nehmen viele neue Ideen, Methoden und Motivation mit nach Hause – und freuen uns schon auf das nächste Wiedersehen.
Ulrike Vauth
(SV Böblingen, A-Trainerin Selbstverteidigung, Gewaltschutztrainerin Erwachsene)
